Ausstellung

„Umkämpfte Vergangenheit“. Die Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg und den Franquismus

17.07.2011 (All day) - 29.07.2011 (All day)
Haus der Demokratie und Menschenrechte Greifswalder Str. 4, Berlin

Als Er­geb­nis einer zwei­wö­chi­gen Bil­dungs­rei­se hat die AG Ge­schichts­po­li­tik des Ver­eins Gren­zen­los e.V. eine Aus­stel­lung zur Ge­schich­te des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs und des Fran­quis­mus ent­wi­ckelt. Im Mit­tel­punkt der Aus­stel­lung steht die Er­in­ne­rung an Bür­ger­krieg und Fran­quis­mus in ver­schie­de­nen Tei­len Spa­ni­ens und Frank­reichs. Die Aus­stel­lung wird zum 75. Jah­res­tag des Be­ginns des Bür­ger­kriegs am 17. Juli 2011 er­öff­net und von da an für zwei Wo­chen im Haus der De­mo­kra­tie und Men­schen­rech­te in Ber­lin zu sehen sein.

Nach einer all­ge­mei­nen Ein­lei­tung und einer Ein­füh­rung in die Ge­schich­te des Bür­ger­krie­ges und des Fran­quis­mus stellt die Aus­stel­lung auf ins­ge­samt 17 Ta­feln je­weils kurz die Ge­schich­te ein­zel­ner Re­gio­nen (Bas­ken­land, Ka­ta­lo­ni­en und Süd­frank­reich) im Bür­ger­krieg und da­nach vor und geht dann auf spe­zi­fi­sche Er­in­ne­rungs­or­te-​ und pro­jek­te ein. Der Fokus liegt auf der Dar­stel­lung un­ter­schied­li­cher er­in­ne­rungs­po­li­ti­scher Zu­gän­ge, die je nach po­li­ti­schem Kräf­te­ge­wicht und re­gio­na­ler Ge­schich­te va­ri­ie­ren.

Mit der Aus­stel­lung wol­len wir neben dem Bür­ger­krieg vor allem auf die um­kämpf­te Er­in­ne­rung im spa­ni­schen Staat auf­merk­sam ma­chen und deren un­ter­schied­li­che Ak­teu­re be­leuch­ten. Mit der Vor­stel­lung ei­ni­ger In­itia­ti­ven wol­len wir er­in­ne­rungs­po­li­ti­sche An­sät­ze stark ma­chen, die sich jen­seits der of­fi­zi­el­len Rhe­to­rik be­we­gen, für his­to­ri­sche Ge­rech­tig­keit ein­tre­ten und Kon­ti­nui­tä­ten be­nen­nen.

Die Aus­stel­lung ist als Wan­der­aus­stel­lung kon­zi­piert und be­steht aus sog. Roll-​ups, leicht trans­por­ta­blen Auf­stel­lern. Wenn Ihr In­ter­es­se daran habt, die Aus­stel­lung in Eurer Stadt zu zei­gen, mel­det Euch bei uns (bildungsreise@​riseup.​net). Sie steht ab An­fang Au­gust zur Ver­fü­gung.

Im Juli 2011 jährt sich der Be­ginn des Bür­ger­kriegs zum 75. Mal. Mit dem am Ende sieg­rei­chen Auf­stand der rech­ten Mi­li­tärs um Fran­co und des­sen Un­ter­stüt­zung durch weite Teile des Bür­ger­tums, des Adels und der ka­tho­li­schen Kir­che fand die Spa­ni­sche Re­pu­blik ihr Ende. Aber in Spa­ni­en wurde nicht nur der Ver­such einer lin­ken Re­pu­blik be­gra­ben. Als welt­wei­tes Sym­bol des Auf­bruchs und des Neu­be­ginns nach 1917 und als vor­weg­ge­nom­me­ner Kampf gegen den Fa­schis­mus ging mit der Spa­ni­schen Re­pu­blik auch ein Stück Hoff­nung unter. In ge­wis­ser Weise war der fran­quis­ti­sche Putsch, den die fa­schis­ti­schen Staa­ten Deutsch­land und Ita­li­en mas­siv un­ter­stüt­zen, die Feu­er­pro­be für den 2. Welt­krieg. Noch im März 1939 be­set­zen deut­sche Trup­pen auf Be­fehl Hit­lers Teile der Rest-​Tsche­chei. Im Sep­tem­ber be­gann mit dem Über­fall auf Polen der Zwei­te Welt­krieg.
Dem Sieg der Fran­co-​Trup­pen im Früh­jahr 1939 folg­te lang an­hal­ten­de Re­pres­si­on, die in den Ge­bie­ten be­son­ders hef­tig war, in denen die Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung und die sich vom groß­spa­ni­schen Na­tio­na­lis­mus dis­tan­zie­ren­den Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen am stärks­ten waren. Nach 1945 ge­lang es wider Er­war­ten nicht, die Herr­schaft Fran­cos zu be­en­den. Im Kal­ten Krieg war das fran­quis­ti­sche Re­gime eher Ver­bün­de­ter als Feind der West-​Al­li­ier­ten. Erst nach dem Tod Fran­cos fand die Dik­ta­tur 1977 ihr Ende und ging unter Be­tei­li­gung der alten Eli­ten aus Mi­li­tär, Ver­wal­tung, Wirt­schaft und Po­li­zei in eine par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie über.
Die po­li­ti­schen Ziele der Lin­ken, die in den sech­zi­ger Jah­ren in un­zäh­li­gen Streiks und Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen wie­der an Stär­ke ge­won­nen hatte, waren damit nicht er­füllt. Aber viele, die nach 1939 nicht auf­ge­ge­ben, die in Frank­reich in den Rei­hen der Résis­tan­ce gegen die Nazis, als Maquis be­waff­net in Spa­ni­en und spä­ter in den il­le­ga­len Ge­werk­schaf­ten und Par­tei­en ge­kämpft hat­ten, lie­ßen sich not­ge­drun­gen auf den „Pakt des Schwei­gens“ ein. Der Über­gang zu nor­ma­len west­eu­ro­päi­schen (d.h. de­mo­kra­tisch-​ka­pi­ta­lis­ti­schen) Ver­hält­nis­sen wurde mit der Straf­frei­heit der fran­quis­ti­schen Tä­te­rIn­nen und einem staat­lich ge­pfleg­ten Ver­ges­sen er­kauft.

Diese Schwei­gen hatte von Be­ginn an Risse. Es dau­er­te aber bis zum Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts, bis sich die Un­zu­frie­den­heit stei­ger­te, mehr und mehr Men­schen nach dem Schick­sal ihrer Ver­wand­ten frag­ten und über­all im Land er­in­ne­rungs­po­li­ti­sche Grup­pen ent­stan­den. Be­schleu­nigt hatte die­sen Pro­zess nicht zu­letzt die bis­wei­len un­ge­bro­chen po­si­ti­ve Be­zug­nah­me der rech­ten Re­gie­rung unter José María Aznar auf die Fran­co-​Dik­ta­tur und die an­hal­ten­den öf­fent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Deu­tungs­ho­heit über den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg.

2007 ver­ab­schie­de­te die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­la­ments­mehr­heit das „Ley de la Me­mo­ria Histórica“ (Er­in­ne­rungs­ge­setz), das die ge­sell­schaft­li­che Dis­kus­si­on ver­brei­ter­te. Vor­an­ge­gan­gen waren hef­ti­ge po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen nicht nur mit der po­li­ti­schen Rech­ten. Auch große Teile der Lin­ken kri­ti­sie­ren das Ge­setz als nicht weit­ge­hend genug. Seit­dem wurde nach Schät­zun­gen etwa ein Sieb­tel der Mas­sen­grä­ber ex­hu­miert. Ehe­ma­li­ge Re­pu­bli­ka­ne­rIn­nen fan­den post­hum An­er­ken­nung und viele Fran­co-​Denk­mä­ler wur­den (nach 30 Jah­ren!) de­mon­tiert. Die Spal­tung der Ge­sell­schaft, die der fa­schis­ti­sche Putsch und der Bür­ger­krieg hin­ter­las­sen haben, ist den­noch vor allem in den länd­li­chen Re­gio­nen bis heute nicht über­wun­den, auch wenn viele Bür­ger­kriegs­be­tei­lig­te mitt­ler­wei­le ge­stor­ben sind.

Trotz des Er­in­ne­rungs­ge­set­zes exis­tiert keine ge­mein­sa­me Er­in­ne­rungs­land­schaft in Spa­ni­en. Je nach Re­gi­on und Ort dif­fe­rie­ren die An­sät­ze teil­wei­se be­trächt­lich oder ste­hen sich kon­trär ge­gen­über. So kämpft bei­spiels­wei­se im Bas­ken­land die Grup­pe „Ahaz­tuak 1936-​1977“ um ein Sicht­bar­ma­chen his­to­ri­scher Orte wie ehe­ma­li­ger Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und Ge­fäng­nis­se und setzt sich auch für eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung noch le­ben­der Tä­te­rIn­nen ein. Gleich­zei­tig ent­steht in der Ebro-​Re­gi­on, wo die letz­te große Schlacht des Bür­ger­krie­ges statt­fand, eine auf un­po­li­ti­schen bis mi­li­ta­ris­ti­schen Tou­ris­mus aus­ge­rich­te­te Er­in­ne­rungs­land­schaft mit zahl­rei­chen Mu­se­en auf der Basis einer Bot­schaft der Ver­söh­nung, die so­wohl Re­pu­bli­ka­ne­rIn­nen als auch Fran­quis­tIn­nen als ‚Schul­di­ge‛ bzw. ‚Un­schul­di­ge‛ dar­stellt – ge­treu dem Motto: „Über den Grä­bern rei­chen wir uns die Hände.“ Eine Son­der­si­tua­ti­on stellt die Er­in­ne­rung an den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg in Süd­frank­reich dar, zumal sich hier ge­sell­schaft­li­che Kon­tro­ver­sen über die Résis­tan­ce, die Rolle des Vichy-​Re­gimes und die Ge­schich­te der exi­lier­ten Re­pu­bli­ka­ne­rIn­nen über­kreu­zen. Der fran­zö­si­sche Staat hat seine Ver­ant­wor­tung für die zahl­rei­chen (Kon­zen­tra­ti­ons)Lager, in wel­chen die spa­ni­schen Flücht­lin­ge nach 1939 in­ter­niert wur­den, lange Zeit ver­leug­net. Erst in den letz­ten Jah­ren sind hier Ge­denk­stät­ten und -orte ent­stan­den, die viel­fach auf die In­itia­ti­ve klei­ne­rer er­in­ne­rungs­po­li­ti­scher Grup­pen zu­rück­ge­hen.

Ob eine Ge­sell­schaft Raum zum Er­in­ne­rung hat und wie sie er­in­nert, sind keine ne­ben­säch­li­chen Fra­gen. Ins­be­son­de­re für die Linke ist es wich­tig, dass sie sich ihre ei­ge­ne Er­in­ne­rung jen­seits des an­ti­to­ta­li­tä­ren Kon­sens und der Be­mü­hun­gen his­to­ri­scher Ni­vel­lie­rung be­wahrt. Die Deu­tungs­ho­heit über die ei­ge­ne Ge­schich­te und ein kri­ti­sches Ver­hält­nis zur Tra­di­ti­on lin­ker Be­we­gun­gen und Kämp­fe ist auch eine Vor­aus­set­zung für den Be­ginn eines neuen lin­ken Pro­jek­tes. In die­sem Sinne will die Aus­stel­lung über die um­kämpf­te Ver­gan­gen­heit in Spa­ni­en auch ein Bei­trag zum Ge­dächt­nis der Lin­ken sein.